Zur Ausstellung: Gottes - Bilder (München)
Zur Ausstellung: Theatrum Hieroglyphicum (Iphofen)
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Kein Ägyptologe wird auf Anhieb in der Lage sein, die genaue Anzahl ägyptischer Götter zu benennen. Ihre Beinamen gehen in die Hunderte, ebenso die Möglichkeiten ihrer Darstellungstypen: „Reich an Erscheinungsformen“ lautet die entsprechende Formulierung in ägyptischen Texten. Der Prozess der Bildwerdung des Göttlichen ist nie abgeschlossen, es spaltet sich auf in unzählige Variationen, die oft lokal gebunden sind, letztendlich jedoch unfassbar für den Menschen bleibt.
Anders als etwa in der christlichen Religion, die bereits im Kontext der Zehn Gebote ein Bildnisverbot kennt („Du sollst Dir kein Bildnis machen….“), ist es die vornehmste Aufgabe der ägyptischen Kunst, Darstellungen des Göttlichen zu schaffen. So entstanden Statuen und Reliefs, die in immer neuen Bildern versuchen, das Nicht-Menschliche, Über-Menschliche und damit letztendlich das Göttliche begreifbar zu machen.
Hier setzt die Ausstellung an, die zunächst die grundsätzlichen Möglichkeiten der Erscheinungsformen ägyptischer Götter - als Mensch, als Tier, als Mischwesen – vorstellt und zur zunächst irritierenden Feststellung kommt, dass einerseits eine Gestalt verschiedenen Göttern eigen sein kann, andererseits eine Gottheit unterschiedliche Gestalten zeigen kann.
So wird etwa das Bildmotiv einer löwenköpfigen Göttin immer dann eingesetzt, wenn auf den aggressiven, gefährlichen Aspekt einer weiblichen Gottheit verwiesen werden soll, unabhängig von ihrer Benennung als Sachmet oder Mut, Wadjet, Pachet oder Tefnut. Das Wirken des Sonnengottes in der Natur kann sich in verschiedenen Tieren oder Pflanzen wie etwa dem Lotos manifestieren.
Allen Göttern sind bestimmte Funktionen zugeordnet, die mehrfach besetzt sind: Es gibt Fruchtbarkeits- und Kriegsgötter, Heil- und Mondgötter, Jenseitsgottheiten und Muttergöttinnen. Zur Gliederung der Götterwelt werden verschiedene Ordnungsprinzipien eingesetzt, die sich ergänzen und überschneiden können.
So orientiert sich die Zusammenstellung von Götterfamilien am Vorbild der menschlichen Kleinfamilie und besteht aus einer Vater-, einer Mutter- und einer Kindgottheit. Dies wird meist mit einer geographischen Struktur kombiniert, die Göttern eine lokale Herkunft und damit einen Hauptkultort zuordnet: Zur Götterfamilie von Karnak gehören Amun, Mut und Chons, die Götterfamilie von Memphis wird von Ptah, Sachmet und Nefertem gebildet. Auch die Zahlensymbolik spielt eine Rolle, so gibt es feste Götterpaare, Triaden, ein Götterquartett sowie die Achtheit und Neunheit von Göttern.
Die nie abgeschlossene Bildwerdung des Göttlichen führt schließlich in der Spätzeit zum Phänomen der pantheistischen Gottheiten, das nach dem Prinzip „Viel hilft viel“ phantastische Wesen aus menschlichen und tierischen Elementen zusammensetzt, die ohne erklärende Beischrift oft nicht mehr zu benennen sind. Eine kleine Gruppe von Göttern bilden vergöttlichte Menschen, allen voran die beiden Architekten Imhotep und Amenophis, Sohn des Hapu sowie bestimmte Könige der Vergangenheit. Sie spielen eine wichtige Rolle im Rahmen der „Persönlichen Frömmigkeit“ eine im späteren Neuen Reich zu beobachtende religiöse Haltung, der das Gefühl einer schicksalshaften Abhängigkeit des Einzelnen von einer bestimmten Gottheit zugrunde liegt.
Zur Abrundung zeigt die Ausstellung Kultgeräte wie Sistrum, Situla und Aegis sowie Statuetten von Priestern und Priesterinnen, ergänzt um Objekte aus dem Bereich magischer Praktiken, die stets parallel zum Götterkult durchgeführt wurden. Zur Veranschaulichung der in griechisch-römischer Zeit äußerst populären Tierkulte, die zu riesigen Tierfriedhöfen mit Abertausenden von Bestattungen geführt haben, sind Särge verschiedener Tiere wie Katze, Ibis, Spitzmaus und Krokodil zu sehen.
Insgesamt zeigt die Ausstellung rund 250 Objekte – Statuen und Figuren von Göttern und Priestern, Stelen und Reliefs mit Götterbildern, Kultgeräte, Amulette und Papyri.
Die Objekte aus den Beständen des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst werden erstmals in dieser Vollständigkeit und Zusammenstellung gezeigt.

Das Interesse der Ägyptenrezeption des 18. Jahrhunderts spiegelt sich nicht nur in der beginnenden Sammlungstätigkeit einzelner Fürsten wider, sondern führte auch zur Schaffung ägyptisierender Bildwerke. In der Ausstellung werden Architektur und Skulpturen des ägyptischen Teils aus dem Pantheon in Wörlitz (Sachsen) rekonstruiert und das Münchner Ensemble ägyptisierender Götterbilder vorgestellt, das im 18. Jahrhundert in Italien entstanden und von Kurfürst Karl Theodor erworben worden war.
Theatrum Hieroglyphicum: Die Hauptdarsteller dieses barocken Hieroglyphischen Theaters sind Osiris, Isis und Horus – die klassischen Gottheiten Altägyptens. Im Hieroglyphischen Theater treten sie auf als dunkle, geheimnisvolle Gestalten, und ihre Farbe ist demzufolge meist auch schwarz, zur deutlichen Unterscheidung von den hellen, strahlend weißen Göttergestalten Griechenlands und Roms, also des Pantheons der klassischen Kulturen Europas. Der farbliche Kontrast symbolisiert den typischen Gegensatz zwischen Lichtsphäre und Unterwelt, zwischen Bewußtem und Unbewußtem, zwischen Leben und Tod. Diese in der mythologischen Tradition des Humanismus und der Kunst der Renaissance stehende Wiedergeburt der antiken Götterwelt ist charakteristisch für die Ägyptenrezeption der Barockzeit.
Die im Geiste des Barock geschaffenen ägyptisierenden Bildwerke aus dem Pantheon in Wörlitz und aus dem Königlichen Antiquarium der Münchener Residenz stellen die beiden einzigen bekannten Götterensembles dieser Art aus der Zeit des Klassizismus dar. Es handelt sich dabei um nicht nur nachweisbar und deutlich sichtbar an antiquarischen Vorlagen orientierte, sondern davon auch inspirierte Neuschöpfungen im ägyptischen Stil aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, die, hergestellt in fürstlichem Auftrag, im Medium der Kunst die als Mysterium empfundene altägyptische Kultur repräsentieren sollten.
Der geistesgeschichtliche Hintergrund dieses in barocker Manier inszenierten Theatrum Hieroglyphicum ist somit die für das späte 18. Jahrhundert symptomatische fürstliche Sammeltätigkeit – und die Enträtselung dieser ägyptisierenden Bildwerke gibt deshalb nicht nur Einblick in die kunsthistorische Dimension, sondern vor allem auch in den ideengeschichtlichen Prozess der in Europa bereits im Mittelalter einsetzenden Ägyptenmode.
Dabei stehen die hieroglyphenkundlichen Münchener Götterfiguren stellvertretend für die allgemeine Ägyptophilie bzw. Ägyptosophie im Geiste des Barock, die ägyptisierenden Wörlitzer Bildwerke dagegen für die Ägyptomanie bzw. Ägyptenromantik der Goethezeit.